Wie ein Shirt im Schlussverkauf

Da hänge ich nun, wie ein Shirt auf einem Kleiderständer, einfach so rum, bin nur da und beobachte alles, was dieses riesige Kaufhaus, mein Leben, so durchkreuzt. Ich fühle mich gut hier wo ich bin und so wie ich bin. Aber plötzlich erlauben sich irgendwelche Menschen, meinen Wert mit einem Schild herunterzusetzen, nur, weil ich bisher noch nicht mitgenommen wurde.

Ich kann es nicht ändern, dass mir so ein Stempel aufgedrückt wird, aber es ist mir egal, denn ich bin immer noch das Shirt, welches hier im verrückten Treiben ganz ruhig für sich abhängt, während rundherum ständig Lärm und Tumult herrscht.

Doch dann kommen sie, die ständig irgendetwas suchen, die sich unvollständig fühlen und nur wegen des Haben-Wollens beginnen an mir zu ziehen. Jeder hat etwas anders mit mir vor. Die einen wollen mich vielleicht nur im Job tragen, die Nächsten nur zu einer Party und wieder andere zu einem kommenden Date. Jeder sieht in mir etwas anderes und glaubt, dass ich genau dorthin, in seine Vorstellungen passe.

Aber, was ist, wenn ich zu overdressed für den neuen Job oder nicht glamourös genug für die Party bin? Was passiert, wenn ich mit meiner grellen Farbe das geplante Date vermassel?

Jeder scheint genau zu wissen, wo ich hingehöre und geht davon aus, dass ich seine Erwartungen erfülle. Aber das kann und will ich doch gar nicht! Und wisst ihr was? Euer Ziehen macht mich kaputt. Erst löst sich dadurch nur eine Applikation vom Stoff, dann reißen die Nähte langsam auf und irgendwann habt ihr mich komplett zerfleddert. Doch ein zerknülltes, kaputtes und verschmutztes Knäuel wollt ihr dann auch nicht mehr haben. Letztendlich lasst ihr mich hier im Dreck liegen und schiebt mich womöglich noch ein wenig mit dem Fuß unter das nächste Regal, damit niemand sieht, was ihr aus mir gemacht habt.

Ich aber möchte doch nur wie ein cooles Shirt im Kaufhaus, ganz entspannt hier zwischen all den grauen Hosen und Jacken in meiner Farbe leuchten und einfach da sein. Ich will nicht verändert oder in eine bestimmte Richtung, Vorstellung, gezogen werden.

Deshalb, lächel mich an, wenn du mich interessant findest. Berühre und fühle mich, bevor du dich nur von der Oberfläche beeinflussen lässt. Probiere mich an, denn vielleicht passe ich dir gar nicht. Und wenn du dir nicht sicher bist, ob meine Form, mein Stil, meine Farbe oder mein Stoff auch Deins sind, bitte ich dich, zerre nicht mit anderen an mir, die mich am Ende, genauso wie du, auch nur für eine bestimmte Vorstellung in ihrem Theater mitnehmen wollen.

Dann lass mich, trotz des Schlussverkaufes, hier hängen. Nur so habe ich eine Chance, zufrieden, in meiner ursprünglichen Form, ohne Dreck auf mir und ohne Risse an den Nähten eines Tages gefunden zu werden…

… von einem Menschen, der nichts verändern will, dem genau dieses Shirt so gefällt, wie er es sieht und der es zu JEDEM Anlass trägt, selbst dann, wenn der Stoff hin und wieder auf der Haut leicht kratzt.

Kommentar verfassen