Liebe mit aller Gewalt

Sag mir, wie fühlt es sich an, wenn du die Wohnungstür mit Angst aufschließt? Denkst du tagsüber schon darüber nach, wie es sein wird, wenn du nach Hause kommst? Oder ahnst du bereits, dass der Mensch, zu dem du am Abend heimkehrst, durch den Alkohol nicht mehr der sein wird, von dem du dich morgens verabschiedet hast?

Du wirst mir auf diese Fragen keine Antworten geben. Stattdessen findest du Ausreden und Entschuldigungen dafür, dass du es immer noch erträgst. Du sprichst von Verantwortung und von der Liebe, die doch mal war. Glaubst du wirklich, dass es noch Liebe ist, die sich in Aggressionen und Wut an dir auslässt? Ja, deine äußeren Wunden kannst du verstecken, bis sie vernarbt sind. Aber was fühlt deine Seele? Wie soll sie jemals heilen, wenn du sie nicht vor weiteren Stichen schützt?

Glaub mir, ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Zuhause nicht mehr der Ort ist, an dem man sich sicher fühlt, weil der Alkohol einem den Menschen genommen hat, bei dem man sich doch einst gut aufgehoben glaubte. Demütigung, Erniedrigung und Auslachen habe auch ich jahrelang still ausgehalten. Es waren ja nur Verletzungen, die niemand sehen konnte. Aber an einem Samstagvormittag, nach einer halben Flasche Wodka, waren da plötzlich die Hände um meinem Hals und sie drückten fest zu. Ich hatte unglaubliche Angst, Angst vor dem Mann, dem ich blind vertraute und der nachts neben mir im Bett schlief, Angst um meine Kinder und um mein Leben. Als die Hände endlich von mir abließen, drehte ich mich um, nahm meine Jacke und verließ die Wohnung… und ich ging nicht mehr zurück. Denn diese Angst wollte ich nie wieder spüren.

Auch ich habe, genauso wie du, viel zu lange geglaubt, dass er sich ändern wird. Aber weißt du, warum sollte so ein Mensch sich ändern, wenn wir sein Spiel mitspielen? Ich sage dir, es kann nur anders werden, wenn du etwas änderst. Deshalb geh! Natürlich wird es nicht leicht. Du wirst einiges verlieren oder aufgeben müssen. Aber glaub mir, du kannst mit allem wieder neu beginnen, wenn du dich nur traust. Eine andere Liebe wartet auf dich.

Ich wünsche dir so sehr, dass du eines Tages erfahren darfst, dass eine Hand dafür da ist, um dein Gesicht zärtlich zu streicheln und nicht, um als Faust zuzuschlagen. Arme sollten sich sanft um dich legen und halten, nicht brutal wegstoßen. Füße können neben dir gehen und dich auf deinem Weg begleiten, statt zuzutreten. Ein Mund soll dir sagen, wie wundervoll du bist und dich nicht bösartig beschimpfen. Leuchtende Augen können deine Seele streicheln, statt diese mit Hass im Blick zu zerstören. Dein Zuhause wäre endlich wieder ein Raum für Vertrauen und Liebe und nicht mehr die Hölle. Willst du die Chance auf all das verpassen?

Du versteckst dich hinter einer selbstgebauten, strahlenden Kulisse. Die Welt dort draußen bemerkt nicht, was dir passiert, denn du beherrscht mittlerweile die Kunst, den Schrecken daheim draußen einfach wegzulachen. Mir hast du davon erzählt, aber wem vertraust du dich außerdem an? Niemandem, nicht wahr? Du schämst dich für das, was man dir antut und dass du es zulässt. Sie würden dich fragen, weshalb du nicht mit Gegenwehr reagierst. Ja, ich weiß, warum…

Weil du als Mann niemals eine Frau schlagen würdest und weil du auch Mann genug bist, deine Kraft selbst dann nicht gegen sie einzusetzen, wenn dir solch eine Gewalt(ige) Liebe widerfährt.

Aber wer versteht das schon?

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